Die Sammlungen "Spuren" und "Zeichen und Zeichnungen" enthalten je 10 Stücke für Akkordeon und 2 Gitarren. Sie entstanden 1976/ 1977. Es sind Stücke eines reich gefächerten Zusammmenspiels; Tongebung in Farbe, Klang, Rhythmik-Metrik, Akzentuierung, Dynamik, Tempo, Beschleunigen - Verlangsamen, Hervorheben - Zurücknehmen eines Partes oder einer Stimme auf den Gesamtklang hin sind Werte, die von den Spielern viel verlangen und letztlich selbst bestimmt werden müssen. Diesbezügliche Angaben in der Partitur sind verbindlich; je klarer sie als Kontur hervortreten, umso deutlicher wird das Werk sein.
Ich kam auf dieses Ensemble durch die Beschäftigung mit spanischer Instrumentalmusik des 16. Jahrhunderts.
Die originalen Ausgaben dieser Musik tragen den Titel:
Obras de música para tecla, arpa y vihuela
Musikwerke für Taste (ninstrument), Harfe und Vihuela
Es ist Musik, die zugleich auf einem Instrument mit konstantem Ton wie der Orgel, überklingendem Ton wie der Harfe und abebbendem Ton wie der Vihuela gespielt wurde.
Diese 3 Charakteristiken der Klangeigenschaft auf ganz verschiedenen Instrumenten, habe ich auf ein heutiges Instrumentarium zu übertragen versucht. (Die Charakteristik des Überklingens von angeschlagenen Tönen wie bei der Harfe, ist vielfach bei den beiden Gitarren durch indirektes Legatospiel als "Harfeneffekt" vorgesehen).
Bis jetzt sind für diese oder eine ähnliche Bestzung folgende Arbeiten von mir veröffentlicht worden:
Polarisationen (1971) für Akkordeon und 2 Gitarren (5)
Zigeunerspuren (1975/ 1976) 10 Stücke für Violine, Akk. und Gitarre (2-4) mit 8 Liedern für
Singstimme und Gitarre über Texte von Georg Trakl.
Es bestand das Verlangen, in der Besetzung Akkordeon und 2 Gitarren auch leichtere Stücke zur Verfügung zu haben. Dem möchten "Spuren" (2-3) und "Zeichen und Zeichnungen" (3-4) entsprechen.
In allen vier Werken kommen immer wieder katalanische und spanische Texte vor. Diese Texte und Titel weisen darauf hin, dass hinter der Musik Bewegung, Gestus und Tanz als Charakterisierung hervortreten sollen.
Es wäre also denkbar, dass die Musik selbst in Tanz aufgehen könnte.
Diese dialektische Anlage trifft für alle vier Titel zu. Ein Wort von Konrad Weiß, das in seinem Aufsatz "Greco, ein Problem der modernen Malerei" steht, soll beleuchten, was gemeint ist:
"Der Romane, könnte man sagen, hat seinen Ausdruck in dem,
was da ist, der Germane in dem, was nicht da ist."
Ich weiß, dass ein solches Denken Anforderungen stellt, andererseits aber auch jungen Musikern schon die Möglichkeit zur Verwirklichung bietet, wenn erkannt ist, dass eine gerechte Interpretation eines vorgegebenen Notentextes nur im reinen, absichtsfreien Spiel erreicht werden kann.
Im Beziehungsreichtum von Sprache und Musik, von Tanz und Musik in einem Lande wie Spanien, drückt sich ein Wesen aus, das durch alle diese Stücke geht; in der Klarheit der Form, die durch alle musikalischen Einzelheiten als Einheit angestrebt ist.
Die Spieler können beliebig viele Stücke und nach eigener Zusammenstellung aus beiden Sammlungen -en suite- spielen. Die drei ersten Stücke von "Zeichen und Zeichnungen" aber gehören zusammen. Das dritte Stück, "Melodisierter Klang", kann auch als Einzelstück eingesetzt werden.
Über allem stehe hier ein Gedicht des Opfers für Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit Miguel Hernándes, der 1942 mit 32 Jahren in einem Gefängnis in Alicante starb, und heute zu den unvergänlichen Dichtern Spaniens gehört, aus "Cancionero y Romancero de Ausencias" (1938-1941), ein Gedicht, indem er sein Schicksal und das Schicksal vieler Opfer vorausgesehen hat:

COGEDME, cogedme. NEHMT MICH, nehmt mich.
Dejadme, dejadme. Lasst mich, lasst mich.

Fieras, hombres, sombras. Raubtiere, Menschen, Schatten.
Soles, flores, mares. Sonnen, Blumen, Meere.

Cogedme. Nehmt mich.

Dejadme. Lasst mich.

Corbera de Llobregat, im März 1977 Bernhard Rövenstrunck

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